Das Erscheinen des 1/72er Bausatzes der Henschel Hs 123 von FLY in mehreren Versionen wollen wir zum Anlass nehmen, uns einmal mit den erhältlichen Bausätzen dieses kleinen “Stuka” zu beschäftigen.

Der oft fälschlicherweise als “kleiner Bruder” der bekannten und berüchtigten Junkers Ju 87 “Stuka” bezeichnete Anderhalbdecker Henschel Hs 123 entstand aufgrund einer Spezifikation des Reichsluftfahrtministeriums vom Februar 1934 für ein einmotoriges, einsitziges Erdkampfflugzeug mit Sturzflugtauglichkeit sowie in der Zweitverwendung auch als Jagdflugzeug. Am 1. April 1935 startklar gemeldet, stand dieses Muster bis 1944 im aktiven Einsatz. Der einstielige, unverspannte Anderthalbdecker mit 9-Zylinder BMW 132 Sternmotor(660 PS) erreichte eine Maximalgeschwindigkeit von 28o km/h in 4 Kilometern Höhe (lt. Datenblatt Nr. 20 vom 21. Oktober 1935); im Sturzflug waren bis zu 550 km/h möglich. Die Offensivbewaffnung bestand aus zwei MG 17 auf dem Rumpf sowie einer Bombenzuladung von maximal 4×50 kg (bei zwei Versuchsmustern wurde die Mitführung von8x50kg -Bomben sowie sogar einer 500kg-Bombe unter dem Rumpfmittelstück erprobt).

 

Schauen wir uns einmal an, wie sich die Bausätze der Hs 123 im Einzelnen darstellen.

Beginnen wollen wir mit der Hs 123 von Avis, einer kleinen ukrainischen Firma, die uns das erste moderne Modell des kleinen Stuka bescherte:

In der Schachtel des uns vorliegenden Musters der späten Hs 123 B-1 finden sich insgesamt 57 Plastikspritzgussteile, ein kleiner Bogen mit Markierungen für zwei an der Ostfront eingesetzte Maschinen, ein Bauplan sowie ein kleines Stück durchsichtigen Plastiks für die Windschutzscheibe:

Die vier Spritzlinge mit insgesamt 57 Plastikspritzgussteilen versprechen schon mal ein detailliertes Modell

Die Tragflächen und Ruderflächen weisen kaum Rippenstruktur auf, sondern haben “nur” versenkte Paneellinien – für eine späte B-Version ist dies jedoch absolut stimmig, da diese Varianten nicht mehr stoffbespannt, sondern metallbeplankt waren:

Der Rumpf ist so ausgeführt, dass die bei späten Versionen vorhandene stromlinienförmige Kopfstütze separat aufgeklebt werden muss:

Die Cockpitdetails: ein wenig "verwaschen", aber zufriedenstellend...

Das Gleiche gilt für den Sternmotor: auch hier könnte die Kühlrippenstruktur der Zylinder ein wenig schärfer ausgeprägt sein:

Nicht unerwähnt sollen die beiden schon “ab Werk” aufgebohrten Auspuffrohre links und rechts des Triebwerks:

Der Abziehbilderbogen ist recht klein geraten, enthält aber alles, was man zur Dekoration benötigt:

Besonders hervorzuheben: die wirklich sauber gedruckten Infanteriesturmabzeichen!

Abschließend wollen wir noch die Bauanleitung erwähnen, die in 10 Schritten durch den Bau des Modells führt:

Das besondere Gimmick bei Avis: Die (von uns) rot markierte Einbauhilfe aus Plastik (Teil 26), die das Ausrichten der Tragflächenstiele enorm erleichtert!

Unser Fazit zur Henschel 123 von Avis: Ein Bausatz auf der Höhe der Zeit, der dem geübten Modellbauer eine solide und ordentlich detaillierte Grundlage an die Hand gibt, aus der mit ein wenig Eigeninitiative ein exzellentes kleines Modell entstehen kann.

Die Hs 123 wurde von Avis noch in einer weiteren Version, als A-1 (2x Luftwaffe, 2x Legion Condor) aufgelegt: Hier sind dann auch die nötigen “Hosenbein”-Fahrwerksverkleidungen und stoffbespannte Trag- und Ruderflächen beigelegt.

War die Begeisterung angesichts der neuen Henschel von Avis schon groß, so müssten angesichts der Neuheit der tschechischen Firma FLY eigentlich Jubelstürme bei den Luftwaffe-Modellbauern ausbrechen: Seit Anfang 2012 liegen in den Händlerregalen sehr ansprechend gestaltete Kartons mit wirklich schönen Illustrationen von “kleinen Stukas” im Einsatz. Ob die Jubelstürme angesichts des Schachtelinhalts angebracht sind, wollen wir im Folgenden klären…

Uns liegen zwei verschiedene Versionen des neuen Bausatzes für die Henschel Hs 123 vor:

Die A-Version kommt mit Markierungen für insgesamt 2 unterschiedliche Nutzer:

2x Spanien und 2x China - was will man mehr?

Die B-Version hat 4 unterschiedliche Luftwaffe-Maschinen zum Inhalt:

4 Ostfront-Varianten - neben Spanien das Haupteinsatzgebiet der Hs 123

Die Nassschiebebilder der beiden Kartons...

Was erwartet den interessierten Modellbauer in der Schachtel? Kann man tatsächlich sämtliche unterschiedliche Versionen bauen? Und wie sieht es mit der Qualität aus? Kann FLYs neuestes Produkt Avis das Wasser reichen?

Um es gleich vorweg zu nehmen – die Antwort lautet uneingeschränkt: Ja!

In EINER Packung sämtliche Teile für BEIDE Versionen - ein klasse Preis/Leistungs-Verhältnis!

Der tschechische Hersteller Fly ist noch recht neu auf dem Markt. Der Bausatz ist ein echter Multi-Material-Bausatz und enthält alles was das Modellbauer-Herz begehrt: Fein versenkte Gravuren an den Bauteilen, Resin- und Ätzteile, Foto-Film für das Instrumentenbrett, zwei alternative Fahrwerke, Abwurfwaffen und ein Markierungsbogen für vier Maschinen. Der Rumpf für die A-Version (fehlende Kopfstütze) liegt auch gleich mit bei und kann dann in die Ersatzteilkiste wandern. Die Einzelteile hängen versatzfrei in den Spritzrahmen und können ohne viel Aufbereitung verarbeitet werden. Die Bauanleitung ist übersichtlich aufgebaut. Die Farbangaben nach RLM finden sich auf der Kartonrückseite zusammen mit den Lackier- und Decalhinweisen.

Die Cockpitseitenwände der Hs 123 von Fly

Die unterschiedliche Tragflächenstruktur;: oben stoffbespannt, unten metallbeplankt

Die Rumpfspanten beim Fly-Modell...

Der umfangreiche Inhalt des Resinteile-Beutels...bemerkenswert die Windschutzscheibe aus klarem Resin...

...hier noch einmal solo

Der kleine Ätzteilebogen mit dem Instrumentenfilm

Das einzige was fehlt sind die Passzapfen an den Bauteilen, aber das ist bei Kleinserienbausätzen nichts ungewöhnliches. Zusammenfassend ist festzustellen das dieser Bausatz wohl das beste Modell einer Hs 123 in 1:72 ist. Wer schon immer einmal diesen Doppeldecker bauen wollte sollte hier zugreifen. Die Kosten liegen bei ca. 15,- bis 20,- EUR.

Wer sich über die weiteren Bausätze dieser Firma informieren möchte sollte die Webseite www.fly814.cz besuchen.

Der “Veteran” unter den Henschel-Bausätzen ist zweifelsohne die “Eins-Zwo-Drei” von Airfix: zuerst 19 produziert, wurde sie immer wieder einmal aufgelegt und war bis zum Erscheinen der Avis “the only game in town”! Und, wie es immer so schön heißt: Unter den Blinden ist der Einäugige König und wo es keine Alternative gibt, versucht der Modellbauer alles, was nur möglich ist, aus dem Grundmuster herauszuholen. Aber wie schlägt sich das Airfix-Modell angesichts der tschechisch-ukrainischen Konkurrenz?

Zunächst einmal die Verpackung: Unter dem klassischen Deckelbild, das die Herzen der Älteren unter uns in nostalgischer Verklärung ihrer ersten Bastelerfahrungen in früher Jugend schhneller schlagen lässt, finden sich 4 Spritzlinge mit insgesamt 38 hellgrauen Teilen, drei (!) Windschutzscheiben (tatsächlich drei – und das war bei allen von uns geöffneten Schachteln so!), ein kleiner Nassschiebebilderbogen sowie die 4-seitigen Bau- und Bemalungsanleitung:

Angesichts der Schachtelillustration könnte man schon in´s Schwärmen geraten - "Ja, damals, als der Modellbauer noch wirklich Modellbau betrieb!"

Die einzelnen Plastikteile - verströmen den Odem sentimentaler Jugenderinnerungen

Decals für zwei Versionen ... immerhin eine spanische!

Die Bauanleitung - Airfix reichte gerade mal eine Seite für sämtliche Bauschritte...

Bislang schwelgten wir in “Nostalgie pur” – aber der Absturz folgt sogleich!

Das geht schon mit den “Dampfkesselnieten” los, die der “mad Rivetter” von Airfix (übrigens wohl ein naher Verwandter des “mad Trencher” von Matchbox!) auf der gesamten Modelloberfläche verteilt hat:

...zum Beispiel auf der Rumpfoberfläche: Aerodynamisch ist etwas anderes!

...oder auf den Höhenrudern - schlichtweg beeindruckend, von was man damals beeindruckt war!

Damals war das “state of the art” – sozusagen “superdetailliert”, so wie heute die vielen “filigranen Paneellinien”…jede Zeit hat ihre Moden – auch im Modellbau!

Und wo keine Riesennieten die Oberfläche verunzieren, treffen wir, wie hier an den Tragflächen, eine Komposition aus Bergen (erhabene Strukturen) und Tälern an:

Angesichts dieser “Detaillierung” schafft nur eines Abhilfe: Schleifpapier und eine Gravurnadel!

À propos “Detaillierung”: Das Cockpitinnere glänzt mit insgesamt drei Teilen: Einem Rückenschott, einem unförmigen Fauteuil für den Piloten – und dieser hat den Airfix-typischen “Bauchschuss”:

“Mehr ist nicht!” – die Rumpfwände sind absolut ohne jede angedeutete Struktur (und wer weiß, wie die ausgesehen hätte!), es gibt kein Instrumentenbrett oder Knüppelgriff, von einem Brandschott ganz zu schweigen – kurz: Eigeninitiative ist angesagt!

Eigeninitiative ist auch bei der Motorhaube (neudeutsch: “cowling”) vonnöten: Die umlaufende Formentrennnaht verläuft optimalerweise exakt über den Zylinderbeulen und muss mit viel Schleifpapier und noch viel mehr Vorsicht egalisiert werden:

Der Sternmotor dagegen hat, ganz im Gegensatz zum Triebwerk von Avis, wenigstens eine solide Kühlrippenstruktur und lässt sich mit seinen drei kleinen Passnuten perfekt in die (hoffentlich mittlerweile beschliffene!) Motorhaube einfügen:

Man beachte auch den oberhalb des Motors zu sehenden Abgassammler...immerhin ein Teil, das die damalige Konkurrenz schlicht weggelassen hätte!

Unser, zugegebenermaßen recht ätzendes, fazit fällt gemischt aus:

Wer eine akkurate Replik der Henschel Hs 123 bauen möchte und Wert auf Details legt, der ist mit dem Bausatz von FLY bestens bedient – er ist (egal in welcher Version) erste Wahl;

das Avis-Modell folgt jedoch dichtauf, vermag jedoch im Motorenbereich weniger zu überzeugen als sein tschechischer Konkurrent, hat dafür aber die Lehre für den richtigen Winkel der Tragflächenstiele;

wer jedoch einfach nur schnell eine robuste Maschine bauen will, die auf alle Fälle das äußere Erscheinungsbild des “kleinen Stuka” wiedergibt und wen die fehlende Detaillierung im Cockpitbereich ebensowenig stört wie die übertriebenen Strukturen auf der Aussenhaut (und wer zudem auf den Geldbeutel schaut) – der ist mit der Hs 123 von Airfix bestens bedient.

Denn trotz aller Kritik: Abhängig von Einsatzzweck des Bausatzes (Anfänger/Wargamer) bleibt dem Airfix-Modell durchaus eine Daseinsberechtigung und vor unserem geistigen Auge sehen wir schon viele gebaute Airfix-“Eins-Zwo-Drei” durch die Spielzimmer-Lüfte ihren Sturzflug Richtung imaginärem Gegner antreten.

Wie sich die drei “Konkurrenten” auf dem Basteltisch verhalten und worauf man achten muss, werden wir in naher Zukunft an dieser Stelle verraten…

Bernd Heller, Modellbauclub Koblenz und Dr. Michael Brodhaecker, Modellbaufreunde Lingen (April 2012)

 

 

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