Den Begriff des “testshots” kennen bestimmt viele Modellbauer und gerade diese “Probeschüsse” sind es ja, die die Modellbauer bei völlig neukonstruierten Bausätzen am sehnsüchtigsten erwarten: Wird das Modell die Erwartungen erfüllen, die der Modellbauer an den neuen Bausatz stellt? Wie werden die Spritzlinge aussehen? Worauf können wir uns einstellen? Doch was bedeutet eigentlich “testshot” und was steckt dahinter?

Wir haben deshalb mit Jürgen Zurnieden gesprochen der bei Revell als Produktentwickler tätig ist und für den Testshots einen wichtigen Teil seiner Tätigkeit darstellen.

 

„Herr Zurnieden, erklären Sie uns doch bitte den Begriff „Testshot“ und in wie weit er etwas mit „Schiessen“ zu tun hat.“

„Werden neue Formen in den Spritzgussmaschinen eingespannt und die Rahmen produziert, spricht man auch von ersten Abmusterungen oder Testschüssen, auf englisch „Testshots“. Sie dienen im Laufe der Entwicklung der Formen dazu, die Passung von Teilen zu prüfen, Fehler zu identifizieren und Verbesserungen an den Formen noch vorzunehmen. Bei den ersten Testshots fehlen oft die Teilenummern, Teile sind nicht komplett produziert und Mängel wie Sinkstellen treten noch häufig auf. Anhand der Testshots wird eine Korrekturliste erstellt, die auch die Teilevergabe beinhaltet. Der Werkzeugbauer verbessert und überarbeitet die Formen gemäß der Korrekturliste. Dazu zählt unter anderem die Optimierung des Materialflusses in den Formen. Nach den Korrekturen werden erneut Rahmen abgemustert. Diese 2. Testshots werden dann wieder anhand der Korrekturliste geprüft. Sie tragen inzwischen die Teilenummern und verfügen jetzt auch über weitere Gravuren. Diese Shots werden wieder kontrolliert, es wird erneut eine Korrekturliste erstellt und sie dem Werkzeugbauer zwecks Überarbeitung der Formen wieder übermittelt. Dieser Prozess wiederholt sich so oft, bis die Formen so weit stimmig sind, dass die Massenfertigung starten kann.“

 

„Somit sollte heute dieses Prinzip Standard bei allen Bausatzherstellern sein. Seit wann wird bei Revell damit gearbeitet?“

„Dieses Verfahren wird seit Jahren so umgesetzt, schon bevor ich Ende der 90er Jahre bei Revell angefangen habe. Allerdings dienen die Testshots dazu, die Passung von Teilen sowie die Verbindungen der jeweiligen Stifte in die dafür vorgesehenen Löcher (Locations) zu prüfen. Sie zeigen immer nur, was die Formen herstellen können. Grundlegende Dinge wie die Formgebung eines Rumpfes oder einer Karosserie werden schon festgelegt, bevor die Teile in den Stahl gefräst werden. Hier hat insbesondere der Einsatz der digitalen Technik enorm zur Verbesserung der Bausätze beigetragen.“

 

„Es gab in der Vergangenheit einige Bausätze von anderen Herstellern die durch teilweise gravierende Passungenauigkeiten aufgefallen sind. Wie lässt sich so etwas, aus Ihrer Sicht, erklären?“

„Hier kann ich nur vermuten, was der Grund war. Ohne den Einsatz von CAD war es bisweilen sehr schwer, den genauen Verlauf von Rundungen und Formen nachzubilden. Hier können sehr schnell Fehler unterlaufen, die sich, einmal im Stahl eingefräst, kaum beheben lassen. Es kann auch vertragliche Gründe haben, die zu einer Lieferung zu fest vorgeschriebenen Zeiten verpflichten, es aber aus Lizenzgründen, Krankheit oder technischen Problemen bei der Werkzeugfertigung zu Verzögerungen kam, so dass die Formen vor der Massenfertigung nicht komplett durchkorrigiert wurden. Auch kann im Zuge der Korrektur Einiges übersehen worden sein. Zudem spielt der Faktor Kosten eine große Rolle bei der Formenerstellung. Sicherlich wird kein Hersteller einen fehlerhaften Bausatz ausliefern wollen oder Passungenauigkeiten bewusst in einem Bausatz einbringen.“

 

„Warum wird manchmal bei Testshots einen andere Art von Kunststoff bzw. Farbe als bei der Serienproduktion verwendet?“

„Die Testshots werden bei dem Werkzeugbauer erstellt, nicht unbedingt dort, wo die spätere Massenfertigung stattfindet. Es handelt sich zudem um eine überschaubare Anzahl von Mustern, die selten eine Menge von 12 bis 15 Abmusterungen pro Rahmen überschreitet. Für diese geringe Anzahl nimmt man, was man gerade zur Hand hat und Mängel gut erkennen lässt. Zweck der Muster ist es ja, Fehler aufspüren zu können, nicht die finalen Fertigungsfarben darzustellen.“

 

„Wieviele Testshots sind etwa nötig bis zum Start der Produktion und haben Modellmaßstab und Teileanzahl darauf einen Einfluss?“

„Im Allgemeinen werden die Formen drei- oder viermal abgemustert, das können aber je nach Modell auch mehr Durchgänge sein. Hier spielt aber der Maßstab und insbesondere die Größe der Formen eine entscheidende Rolle. Bei großen Rahmen ist es recht schwierig, Druck und die Temperatur so einzustellen, dass die Teile nicht in den Formen hängenbleiben, keine Sinkstellen bei großen Teilen auftreten und die kleinen Teile ohne Gratbildung gefertigt werden. Kleine Rahmen lassen sich wesentlich einfacher fahren. Die Abstimmung der Formen fällt ebenfalls leichter, wenn es weniger Teile in einem Rahmen gibt, als eine Mixtur von vielen kleinen und großen Teilen in einem Rahmen vergleichbarer Größe. Die Abmessungen des Originals ist auch zu bedenken. Ein Airbus A 400 M in 1:72 ist formentechnisch weitaus schwieriger zu fertigen als eine Fokker Dr.I in 1:28.“

 

„Dann gilt das gleiche Prinzip der Testshots auch bei den Markierungsbögen und Ätzteilen?“

 „Bei den Decals werden die einzelnen Elemente hinsichtlich des Inhaltes mehrfach geprüft, die Größen zusätzlich über die erstellenden Agenturen sowie Modellbauer, die die Prototypen für die Verpackungen bauen. Da es sich bei Fotoätzteilen um ein anderes Verfahren handelt, prüfen wir die jeweiligen Teile bezüglich sachlicher Korrektheit, bezüglich der Größen und Verarbeitung wird der für uns tätige Hersteller zur richtigen Umsetzung verpflichtet.“

 

Vielen Dank an Jürgen Zurnieden für den interessanten Blick hinter die Kulissen!

 

Bernd Heller / Modellbauclub Koblenz

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